Presse

16.09.2025

Tintin am Ufer der Naab

Comic-Ausstellung in Distelhausen

Von Peter Pavlas, MZ

„Bandes dessinées“, also Comics, werden in den francophonen Ländern als neunte Kunstform betrachtet, nicht als Kinderkram. Die Abenteuer von Tintin und seinem Foxterrier Milou (auf Deutsch „Tim und Struppi“) erschienen seit 1929 und in verschiedenen Präsentationsformen in einer Gesamtauflage von über 70 Millionen in rund 30 Sprachen. Der Autor Georges Rémi nannte sich Hergé. Er ließ seine Hauptfigur in viele Ecken der Welt und des Universums streifen. Asterix-Schöpfer Uderzo zitierte daraus, Andy Warhol bezog sich darauf, Steven Spielberg verfilmte Tintin.

Tintin ist ein unerschrockener junger Reporter, stets bemüht, eilig dem Wahren und Guten zu ihrem Recht zu verhelfen. Er durchlebt keine persönliche Entwicklung, sein Erscheinungsbild bleibt ewig gleich: großer runder Kopf, keck nach oben gekämmte Haartolle, stecknadelkopfgroße Augen und lange Zeit braune Knickerbocker. Einige weitere Charaktere sind Professor Tournesol, Kapitän Haddock, die ungeschickten Detektive Schulze und Schulze und Roberto Rastapopoulos, ein durchtriebener Gangster.

Der Künstler Günther Kempf ließ sie alle zunächst in seinem Atelierhaus in Wolkering landen und schickte sie alsdann weiter ans Ufer der Naab, in die ehemaligen Stallungen der Galerie Carola Insinger in Distelhausen. Dort stellt Kempf seit 18 Jahren aus. Dass Tintin für Glattheit steht, in der zeichnerisch-künstlerischen Umsetzung wie in seinem braven Streben als Gutmensch, findet auch Laudator Nicolas Maier-Scheubeck, Geschäftsführer der Regensburger Firma MR. Nicht nur im Besprechungsraum des Unternehmens hängen Kempfs Comic-Interpretationen. Die nötige intellektuelle Distanz lässt der Industrielle bei seinem Vortrag erkennen, als auf seinem T-Shirt Charlie Brown sichtbar wird, eine bekanntlich sehr schillernde Existenz, Loser und Gewinner in einem.

Hintersinnige Comics bringen Lebensmut in den oft genug tristen Alltag, findet der Redner. Der Künstler sei selbst ein Original, das Originelles schaffe. Belgisch-niederbayrischer Geist belebt also die Exponate. Viele Großformate, Vorzeichnungen in feinem Bleistiftstrich, grob behauene Holzskulpturen, kleinste Püppchen sind das. Häufig blickt Tintin leicht nach rechts, die ikonischen drei Streifen, die auch im Titel genannt werden (trois bandes) lassen sich schnell identifizieren.

Sehr viel poetischer ist Kempfs Verbindung von Wort und Bild in seinen Werken. „Ordentliches Lettering“ sei nicht dessen Sache, meint sein Laudator. Kreativ geht Kempf seit jeher mit der Orthografie der französischen Sprache um, davon zeugen auch die Murals im Hof des Orphée. Zeilen aus „Au clair de la lune“ durchziehen die Gemälde, werden amüsant variiert, heben gelegentlich den erotischen Gehalt der Textvorlagen hervor.

François Villons „Ballade des dames du temps jadis“ aus dem 15. Jahrhundert wird beispielsweise zitiert in der Anspielung auf die sehr lebenslustige „Flora la belle Romaine“. Darüber die Frage „wollen Sie in einem Spukhaus wohnen?“ Die Textelemente fallen Kempf oft spontan ein. Dem Besucher ist es überlassen, Bezüge zu entschlüsseln, oder eben nicht. Künstlerisch spannend ist es, wie der Maler einige seiner farbigen Tableaux mit kompletten Seiten in Schwarzweiß von Abenteuern des blonden Schlaumeiers unterlegt.

Die Ausstellung „TINTIN ET LES TROIS BANDES“ von Günther Kempf ist bis 26. Oktober in der Galerie
Carola Insinger, Distelhausen (Kreis Regensburg) zu sehen. Die Galerie ist an Freitagen, Samstagen und Sonntagen von 14 bis 18 Uhr geöffnet sowie nach Vereinbarung.

Quelle: Mittelbayerische Zeitung , Artikel und Fotos

Laudator Nicolas Maier-Scheubeck (li.) und Günther Kempf - Foto: Peter Pavlas

Laudator Nicolas Maier-Scheubeck (li.) und Günther Kempf - Foto: Peter Pavlas

Bis zum 26. Oktober werden die Werke in der Galerie Insinger gezeigt. - Foto: Peter Pavlas

Bis zum 26. Oktober werden die Werke in der Galerie Insinger gezeigt. - Foto: Peter Pavlas

Hand in Hand mit dem Helden - Foto: Peter Pavlas

Hand in Hand mit dem Helden - Foto: Peter Pavlas

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