Presse
01.07.2025
Verrottend, verschlissen, verlassen: Peter Untermaierhofer zeigt seine „Lost Places“
Der Fotograf schlüpft durch Löcher im Zaun, schleicht durch feuchte Keller, durch Schutt und Dunkelheit hinein in die Vergangenheit. In der Galerie in Distelhausen im Kreis Regensburg sind seine faszinierenden Aufnahmen zu sehen.
Von Claudia Böckel, MZ
Die Galerie von Carola Insinger in Distelhausen liegt direkt an der Naab, zwischen alten Stadeln und Wirtschaftsgebäuden. Eine Parallelwelt im Grünen zur Hektik und Termindeterminiertheit unserer Tage. Wo sollten Peter Untermaierhofers „Lost Places – Parallelwelten II“ besser wirken, als dort?
Die Ausstellung präsentiert 21 Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren. Es handelt sich um Fotografien, die in verschiedenen Größen verfügbar sind, eine limitierte FineArt Edition hinter Acrylglas. „Fuji Crystal DP II Lambdabelichtung auf Aludibond Trägerplatte kaschiert inklusive Aluminiumrahmen Aufhängung, Premiumqualität im brillianten Hochglanzlook“: So kompliziert sind die Veredelungsverfahren dieser Fotografien, die in unnachahmlicher Weise Atmosphäre einfangen. Zu sehen sind sowohl Exterieurs als auch Interieurs, immer verlassene Plätze, verrottende Salons, verschlissene Theaterräume, verfallende Treppenhäuser, abblätternde Plafonds, zerborstene Kirchenräume. Man muss diese Räume erwünschen, ersuchen, erfahren, erobern, sagt Untermaierhofer.
Er schleicht durch Keller
Ab 2013, 2014 war der Fotograf unterwegs, um diese Momentaufnahmen von Orten zu machen, die so heute nicht mehr existieren. Die Hotels, Kliniken, Industriebrachen und Chateaux sind jetzt abgerissen, bebaut, durch Vandalismus zerstört, durch Graffiti verunstaltet, erzählt Untermaierhofer. Seine Recherche läuft über Google Maps oder Google Earth, er sucht aber auch an alten Bahnlinien entlang, schlüpft durch Löcher im Zaun, schleicht durch feuchte Keller, durch Schutt und Dunkelheit hinein in die Vergangenheit.
Untermaierhofer stammt aus einem Bauernhof, hat als Kind schon alte Sachen und alte Häuser untersucht und , hatte als ersten Berufswunsch die Archäologie im Sinn. 2008 begann er mit der Fotografie, er hat seitdem mehrere Bücher veröffentlicht und verschiedenste Ausstellungsprojekte realisiert, etwa „Lost Places“ I und II und „Tschernobyl“, an unterschiedlichen Orten, auch an so renommierten wie dem Deutschen Fotomuseum in Markkleeberg 2024.
Untermaierhofers erstes Projekt für seine Diplomarbeit bestimmt bis heute seine Arbeitsweise. Damals war er zehn Tage bei Leipzig unterwegs, allein, im Auto fahrend und auch schlafend, um möglichst unabhängig auf die äußeren Bedingungen reagieren zu können. Die Arbeit allein habe was für sich, sagt er, man müsse dann alles zwei- und dreimal anschauen, man reagiere auch viel sensibler auf Umweltgeräusche.
Die Stimmung im Kopf
Beim Bearbeiten zu Hause gelte es dann, die Stimmung vor Ort wieder herzustellen, zum ersten Eindruck zurückzufinden, man könnte sagen, Sedlmayrs „anschaulichem Charakter“ nachzuspüren. Und es gelingt dem 1983 in Eggenfelden geborenen sehr erfolgreichen Fotografen, die Verträumtheit im Kopf, die er beim Eintauchen in diese Verfallswelten hat, in seine Bilder zu bringen.
Die kreisrunden Himmelsöffnungen der alten Kühltürme lassen diese Industriemonumente wie das Pantheon in Rom aussehen. Fenster und Öffnungen gibt es in vielen Fotografien. Sie bringen das Licht hinein in die Räume, oft von oben, wie bei „chateau lumière“ und „skylight gallery“. Und alles ist so schön fotografiert, so glänzend abgezogen, in der auratischen Wirkung der Fotografie so entgegengesetzt dem dargestellten Desaster.
Bibliotheksräume aus Frankreich und Italien sind in den letzten Jahren neu in Untermaierhofers Kosmos gekommen, der Unordnung preisgegeben, dem Durcheinander. Und zwei „grüne Räume“ aus einem italienischen Thermalbad, ein Gewächshaus und eine Treppenanlage, die von der Natur zurückerobert wurden.
Untermaierhofers Ehrenkodex lautet: Nimm nichts mit außer Bilder und hinterlasse nichts anderes als Fußspuren. In den Köpfen und Herzen der Betrachter seiner Fotografien allerdings hinterlässt er den bleibenden Eindruck von zauberhaftem Verfall
Die Ausstellung „Lost Places – Parallelwelten II“ von Peter Untermaierhofer ist bis 30. August in der Galerie Insinger, Distelhausen (Kreis Regensburg) zu sehen.
Quelle: Mittelbayerische Zeitung , Artikel und Fotos
„History Buried in Oblivion. Geschichte im Staub der Vergessenheit“, 2019 in Frankreich aufgenommen. - Foto: Peter Untermaierhofer